Reinhold Gravelmann: Jugend online! Soziale Arbeit offline?
Zum Buch wurden sechs Rezensionen veröffentlicht (Texte s.u.),
Mel-David Tersteegen, 02.05.2024
www.socialnet.de/rezensionen/31760.php
Reinhold
Gravelmann: Jugend online! Soziale Arbeit offline? Digitale Lebenswelten junger Menschen als Herausforderung für die Praxis Sozialer Arbeit. Beltz
Juventa (Weinheim und Basel)
2024. 157 Seiten. ISBN 978-3-7799-7594-6. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR.
Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783779967583.
Thema
Die Digitalisierung und deren Einfluss ist mittlerweile immer wieder ein zentrales Thema in vielen Debatten. Die Auswirkungen können diskutiert werden, sind jedoch unumgänglich vorhanden. Demzufolge ist dieser Prozess auch im Kontext der Sozialen Arbeit spürbar. Daraus ergeben sich viele Fragen, vor allem wenn sich ein Teil der eigenen Zielgruppe bereits tiefgreifend mit diesem Gegenstand auseinandersetzt. Wie ist die Soziale Arbeit im Bezug zu digitalen Medien einzuordnen und wie kann diese aufgrund dessen agieren?
Autor
Reinhold Gravelmann ist Dipl. Pädagoge, Dipl. Sozialpädagoge, Referent in einem Bundesverband für Erziehungshilfe, Eltern-Medientrainer der Landesstelle Jugendschutz Nds., Freiberuflicher Autor und Referent zu diversen Themen wie z.B. Neuen Medien und Kinder- und Jugendhilfe tätig.
Entstehungshintergrund
Der Tatsache geschuldet, dass digitale Medien für junge Menschen von großer Bedeutung sind, sollte sich auch die Soziale Arbeit im Sinne der Zielgruppenorientierung und Lebensweltnähe mit eben dieser Thematik auseinandersetzen. Aus diesem Verständnis ist das hier rezensierte Werk entstanden, um dem Anspruch zu genügen, die Lebenswelt der eigenen Klient*innen zu berücksichtigen und entsprechend zu agieren.
Aufbau und Inhalt
Das Werk gliedert sich in 13 Kapitel, um die Aussage „Jugend online“ und die Frage „Soziale Arbeit offline?“ näher zu thematisieren. Ergänzend zu den einzelnen Kapiteln finden sich immer wieder Bereiche mit Tipps und Quellen für weitere Recherche zu den jeweiligen Themen.
Beginnend mit der einleitenden Vorbemerkung wird der Hintergrund als auch der inhaltliche Aufbau beschrieben. Der Einstieg in das Thema befasst sich mit der Konstanz und Veränderung der Medien und Digitalisierung. Demzufolge zeigt sich im nächsten Abschnitt die Bedeutung dieser Veränderungen für die Jugendsozialisation im digitalen Zeitalter. Aufbauend darauf wird ein Einblick in die medialen Welten junger Menschen eröffnet. Es werden relevante Social-Media-Angebote als auch Videospiele aufgegriffen. Fortgesetzt und vertieft wird dies durch die Beschreibung weitere Trends wie z.B. Influencer*innen und E-Sport.
Ausgehend davon ergeben sich viele Chancen aber auch Risiken. Diese Ambivalenz zwischen den beiden Polen wird im fünften Kapitel ausführlich erörtert wie z.B. zwischen übertriebenen Ängsten und berechtigten Schutzanliegen, zwischen Unwissenheit und notwendigen Schlüsselkompetenzen, zwischen Freizeitgestaltungsoptionen und Abhängigkeitsgefährdungen und der Fachliche Umgang mit Chancen und Risiken, um nur einige der aufgegriffenen Bereiche zu nennen.
Darüber hinaus wird in einem eigenständigen Kapitel die Rolle der Künstliche Intelligenz in der Kinder- und Jugendhilfe aufgegriffen, bevor der Autor im folgenden Abschnitt die Spannungsfelder im Kontext digitaler Medien und Sozialer Arbeit benennt.
Gerade in Bezug auf die Soziale Arbeit sind die rechtlichen Aspekte nicht unbedeutend, weshalb diese in Bezug auf digitale Medien in einem eigenen Teil in den Fokus gerückt werden. Dabei werden entscheidende Faktoren wie der Jugendmedienschutz, Jugendschutz und Medienbildung oder auch rechtliche Inhalte in Bezug zu jungen Menschen und Fachkräften charakterisiert.
Aufgrund der bisherigen Ausarbeitung lässt sich festhalten, dass sich Fachkräfte mit einigen Herausforderungen und Reflexionsfragen konfrontiert sehen. Diesbezüglich werden essentielle Gesichtspunkte unter dem folgenden Kapitel konkret benannt und näher thematisiert.
Inwiefern Soziale Arbeit online in Zusammenhang mit Onlineberatung, Erziehungshilfen und Jugendarbeit gelingen kann, digitale Medien in der stationären Erziehungshilfe Einfluss nehmen und die Digitalisierung in der einrichtungsbezogenen Offenen Kinder- und Jugendarbeit von Bedeutung ist, wird in den drei darauffolgenden Kapiteln tiefergehend analysiert. In der Abschlussbemerkung wird erneut die relevante Forderung herausgestellt, es gilt sich mit der Bedeutung der digitalen Medien auseinanderzusetzen und diese in die Soziale Arbeit miteinfließen zu lassen.
Diskussion
Jugend online! Soziale Arbeit offline? richtet den Blick auf ein bedeutendes Thema für Akteur*innen der Sozialen Arbeit. Dabei liegt der Auseinandersetzung eine spürbare Haltung zugrunde, welche die digitalen Medien nicht verteufelt, sondern im Gegenteil deren Stellenwert wahrnimmt und auch dementsprechend immer wieder herausstellt. In diesem Kontext werden diverse Aspekte aufgegriffen und thematisiert, mit denen sich die Soziale Arbeit beschäftigen sollte. Dabei muss jedoch festgehalten werden, dass inhaltlich Gedanken und Fragen aufgegriffen werden, jedoch nicht immer konkrete Antworten vermittelt werden können. Allerdings werden in den einzelnen Bereichen Impulse gesetzt, welche für die weitere Bearbeitung einen entscheidenden Beitrag leisten können. Das Werk stellt vor allem die Notwendigkeit der Aufarbeitung mit der Digitalisierung heraus und erörtert relevante Aspekte dieser Thematik.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Gravelmann ein wertvolles Werk für Fachkräfte geschaffen hat, welche sich im Kontext der Sozialen Arbeit mit den digitalen Lebenswelten von jungen Menschen und deren Bedeutung für die eigene Profession auseinandersetzen wollen. Diesbezüglich kann das Werk einen guten Einstieg ermöglichen, sich mit den zusammenhängenden Chancen als auch potenziellen Gefahren zu beschäftigen, um den thematisierten Anspruch auf Lebensweltnähe zu genügen.
MERZ-Zeitschrift für Medienpädagogik
Rezension von
Mel-David Tersteegen
M.A. Soziale Arbeit (FH), B.A. Soziale Arbeit (FH) mit Schwerpunkt Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit, außerschulische Jugendbildung.
Präventionsfachkraft bei Inside, Condrobs e.V.Marcus Müller: Gravelmann, R. (2024). Jugend online! Soziale Arbeit offline? Digitale Lebenswelten junger
Menschen als Herausforderung für die Praxis Sozialer Arbeit. Beltz Juventa. 157 S., 25,00 €.
Ein erheblicher Teil der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen findet digital statt. Wie steht die Soziale Arbeit dazu? Inwiefern muss sie selbst digitaler werden und was sollten Erziehungsberechtigte, Pädagog*innen und Sozialarbeiter*innen über die digitale Jugendkultur unbedingt wissen? All diese Fragen werden fachkundig und aktuell von Reinhold Gravelmann, Referent des Bundesverbands für Erziehungshilfe, Eltern-Medientrainer und Autor, in seiner aktuellen Publikation behandelt. Das Werk richtet sich vor allem an Fachkräfte, die im Bereich der Sozialen Arbeit tätig sind.
Gravelmann geht von der Beobachtung aus, dass die digitale Welt einer der wenigen Bereiche ist, in denen viele Heranwachsende sich besser auskennen als die Erwachsenen, die mit der Internetkultur und aktuellen Trends und Phänomenen der Sozialen Netzwerke weniger vertraut sind. Der Wissensvorsprung, auf den Erwachsene in vielen anderen Bereichen bauen können, ist hier nicht vorhanden. Entsprechend verstärkt seien daher die Ängste einiger Erwachsener bezüglich der Nutzung von digitalen Angeboten durch Jugendliche. Ein Reagieren auf die aktuellen Umstände ist jedoch laut Autor unerlässlich, denn „Die Jugend wartet nicht auf die Soziale Arbeit.“ (S. 18). Auch wenn sich parallel zur heutigen Debatte um ‚Mediensucht‘ historische Pendants wie etwa die ‚Lesesucht‘ finden, lassen sich die neuen Entwicklungen der Medienwelt nicht allein mit vergangenen Medienerfahrungen begreifen, wie Gravelmann in einer kurzen Darstellung der Medienhistorie zeigt. Daher gelte es, die aktuellen Entwicklungen in ihrer neuen Qualität und Bedeutung für Kinder und Jugendliche zu begreifen.
In der Jugendkultur sind die Online- und Offlinewelt schon längst nicht mehr zu trennen und Soziale Plattformen und digitale Spiele bieten neue Möglichkeiten der Identitätsbildung. Dementsprechend werden in der Publikation allgemeine Trends wie E-Sport, Let’s Plays und sexuelle Dienstleistungen im Internet vorgestellt. Konkret werden in diesem Zuge auch die derzeit beliebtesten Social Media Apps hinsichtlich ihrer Funktion und Bedeutung für Heranwachsende beschrieben.
In der Spannbreite der Nutzung digitaler Medien liegen sowohl eine Freizeitgestaltung, bei der soziale Kontakte gepflegt werden und Internettrends die Jugendkultur konstituieren, als auch ein problematisches Nutzungsverhalten bis hin zum suchtartigen Verhalten. Diese Spannungen zwischen Chancen und Risiken durchziehen auch den Einsatz digitaler Medien in der Sozialen Arbeit. Immer wieder verweist Gravelmann darauf, dass der Einsatz digitaler Medien seit der Corona Pandemie in der Sozialen Arbeit zwar stärker etabliert wurde, aber etwa der Einsatz von KI noch in der Erprobungsphase steht und es noch viele ethische und rechtliche Fragen zu klären gilt.
Weiterhin besteht bei vielen datenschutzrechtlichen Fragen und im Bereich des Jugendschutzes eine so umfangreiche Gesetzeslage, dass die vorliegende Publikation hierzu einen Überblick gibt, da sowohl Fachkräfte als auch Jugendliche eine Reihe von Rechtsverstößen im digitalen Raum begehen können. Zudem merkt der Autor ein Hinterherhinken der gesetzlichen Regelungen hinter der sich wandelnden Medienwelt an und resümiert: „Auch wenn das Jugendschutzgesetz (endlich) den Erfordernissen der veränderten Medienwelt angepasst wurde, bleibt es den einzelnen Mediennutzer*innen sowie den Fachkräften in der Sozialen Arbeit überlassen, mit den dennoch weiterhin bestehenden Herausforderungen und gesetzlichen Unzulänglichkeiten umzugehen […]“ (S. 91–92).
Jugend online! Soziale Arbeit offline? bietet einen gelungenen Überblick über die aktuellen Problemfelder der Sozialen Arbeit in Bezug auf die Digitalisierung und berücksichtigt dabei die Perspektive und Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen sowie die Rolle der Fachkräfte in angemessener Weise. Durch die Beschreibung des Nutzungsverhaltens der Jugendlichen von digitalen Dienstleistungen wird gut nachvollziehbar beschrieben, dass diese Anwendungen tief in das Sozialleben, die Freizeitgestaltung und Identitätsfindung eingedrungen sind, sodass ein Verständnis der digitalen Lebenswelt unerlässlich bei der Konzeption von Hilfsangeboten für Kinder und Jugendliche ist.
Positiv fällt zudem auf, dass neben den Jugendlichen, den sozialen Einrichtungen, Eltern, Fachkräften und dem Gesetzgeber die Anbieter von digitalen Medien Erwähnung finden. Eine Verantwortungszuschreibung seitens des Gesetzgebers an diejenigen, die digitale Medien anbieten, hält Gravelmann für wünschenswert. Auch wenn es das Feld der Sozialen Arbeit überschreiten würde, umfangreiche medienethische Kritik an Angeboten der Anbieter von digitalen Medien zu üben und dies wohl nicht zu den Aufgaben einzelner Fachkräfte zählen mag, wäre es interessant gewesen, diesen Punkt weiter zu vertiefen. Die Erkenntnisse, die die Soziale Arbeit in Auseinandersetzung mit Problemen, wie etwa exzessivem oder suchtartigem Medienkonsum erfährt, könnten wichtige Hinweise für den Gesetzgeber bieten.
Den Schwerpunkt für eine Umsetzung der digitalen Transformation macht Gravelmann vorrangig in einer besseren Ausstattung der sozialen Einrichtungen mit Ressourcen und Fortbildungsangeboten für die Fachkräfte aus. Insgesamt zeigt Gravelmann, dass digitale Medien in der Sozialen Arbeit Teil der Lösung und Teil des Problems sind und arbeitet differenziert heraus, wann welcher Schwerpunkt überwiegt.
Marcus Müller ist studentische Hilfskraft bei merz | medien + erziehung. Er studiert Medienwissenschaften und Philosophie an der Universität Paderborn.
Gravelmann, R. (2024). Jugend online! Soziale Arbeit offline? Digitale Lebenswelten junger Menschen als Herausforderung für die Praxis Sozialer Arbeit. Beltz Juventa. 157 S., 25,00 €.
Ole Peter Jagdt, Freie und Hansestadt Hamburg | Landesbetrieb Erziehung und Beratung
Abteilungsleitung Zentrale Sozialpädagogische Aufgaben. In: Forum Erziehungshilfen, 4-2024
„Jugend online! Soziale Arbeit offline?“ Ein überzeugendes Plädoyer für eine Auseinandersetzung mit der Lebenswelt junger Menschen.
Das Buch „Jugend online! Soziale Arbeit offline?“ von Reinhold Gravelmann ruft die Soziale Arbeit auf, sich mit der Lebensrealität junger Menschen auseinanderzusetzen und die Chancen neuer Medien in ihre pädagogischen Ansätze zu integrieren.
Nach einem einführenden Überblick und einer Reflektion der Reaktion Sozialer Arbeit auf bisherige technische Entwicklungen führt der Autor seinen Leitgedanken ein: Medien prägen heute, permanent präsent, alle Lebenswelten. Der Alltag und die Welt seien ‚durchmediatisiert‘, zunehmend unübersichtlich und von Digitalkonzernen dominiert. Dies ist für den Autor jedoch „kein Grund in Kulturpessimismus zu verfallen“ (ebd.:17), sondern es fordert die Soziale Arbeit auf, sich mit den Chancen und Risiken auseinanderzusetzen. „Ein weiter so kann und darf es in diesem Zusammenhang nicht geben. Grundmaxime Sozialer Arbeit ist es, die Lebenswelt ihrer Klientel zu berücksichtigen. Folglich ist auch die Digitalisierung in den Fokus zu rücken" (ebd.:18).
Digitale Medien haben bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben junger Menschen ein zunehmendes Gewicht, einem Aspekt, dem sich der Autor in Kapitel 3 zuwendet. Er konzeptualisiert digitale Medien zu einer „neuen, hoch bedeutsamen Sozialisationsinstanz“ (ebd.:26), in der für junge Menschen ortsunabhängige Räume zur Erprobung und Beziehungsgestaltung entstanden sind. Damit begründet Gravelmann erneut die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung. Organisationen und Fachkräfte müssten „Kenntnisse über die Veränderungen im Sozialisationsprozess erwerben und den digitalen Sozialisationsraum erschließen“ (ebd.).
Hierzu sind Kenntnisse über die digitalen Medien und deren lebensweltliche Bedeutung notwendig, die Gravelmann im 4 Kapitel darstellt. Dem Autor gelingt ein verständlich aufbereiteter und komprimierter Überblick über die bedeutsamsten Medien und Termini. Wieso ist das Smartphone der „Nabel der Welt“, welche Funktion(en) übernimmt dieses für die jungen Menschen? Wozu nutzen junge Menschen Social-Media und welche Funktionen haben die genutzten Plattformen (Instagram, TikTok, SnapChat)? Wie erleben junge Menschen digitale Spielewelten und was sind „Let´s Play“-Videos? Wie müssen wir uns Influencer:innen vorstellen, was sind virtuelle Sportwelten, Pranks, Challenges oder In-App-Käufe? Weiterführende „Lesetipps“ reichern, hier wie im gesamten Buch, die Informationen an.
In Kapitel 5 geht Gravelmann zunächst auf die Rolle von Fachkräften ein. Ihre Haltung ist notwendiger Weise von „Schutzanliegen“ geprägt (ebd.:52), vor deren Hintergrund neue Medien als Herausforderung, Problem oder Gefahr adressiert werden. Zugleich sind Fachkräfte mit rechtlichen Vorgaben konfrontiert, sodass der Umgang mit Medien „oft rigider als in den meisten Familien gehandhabt wird“ (ebd.:57). Der Autor verbindet in diesem Kapitel eine kritische Perspektive, die den Schutzanliegen und gesetzlichen Vorgaben Raum gibt, mit einer Perspektive, welche die Chancen und Möglichkeiten für die jungen Menschen und die Soziale Arbeit fokussiert.
Digitale Medien bieten nach Gravelmann Möglichkeiten der attraktiven Freizeitgestaltung, in denen zugleich Abhängigkeitsgefährdungen lauern. Im digitalen Raum stehen den jungen Menschen vielfältige Unterstützungsmöglichkeiten bereit, aber sie können dort auch mit Hate-Speech, Grooming, Mobbing, Propaganda oder Rollenklischees konfrontiert werden. Sie ermöglichen Teilhabe und bergen zugleich das Risiko in sich, dass junge Menschen „in virtuelle Welten abdriften“ (ebd.:64). Besonders gelungen sind seine Ausführungen im Abschnitt „Tinder, Youporn und Beziehungsgestaltung“. Dort stellt er zunächst heraus, dass sich die „Kultur des Flirtens“ und der „erotischen Annäherung“ verändert haben. Diese „vergleichsweise neue Form (…) ist nicht ohne Probleme“ (ebd.:74). Ob Pornoplattform oder DatingApp, beides wird üblicherweise in der Fachwelt als Gefahr bewertet. Gravelmann bestätigt die Gefahren, benennt jedoch auch hier Chancen. Er sieht in den erweiterten Räumen Möglichkeiten zur Erprobung und eine Erweiterung der Handlungsoptionen für junge Menschen, insbesondere in ländlichen Regionen, für queere Jugendliche oder junge Menschen mit Beeinträchtigungen (ebd.).
Neue Medien erzeugen für die Fachkräfte der Sozialen Arbeit Spannungsfelder, die zum Wohle der jungen Menschen zu lösen sind. Nachdem Gravelmann diese in Kapitel 7 stichpunktartig zusammenfasst, widmet er sich in Kapitel 8 rechtlichen Aspekten. Aus der UN-Kinderrechtskonvention leitet der Autor ein „Recht auf Zugang zu digitalen Medien“ und ein Recht auf Schutz vor Gefahren ab. Das SGB VIII verpflichtet die Jugendhilfe zur Medienbildung und zum Jugendschutz. Für den Autor sind hiermit die rechtlichen Aufgaben Sozialer Arbeit klar umrissen: „Förderung des Umgangs mit digitalen Medien, Ermöglichung von Teilhabe durch digitale Medien und (…) Schutz vor Gefährdung“ (ebd.:95). Gravelmann attestiert der Sozialen Arbeit eine rechtliche Verunsicherung, die er für unbegründet hält. Die rechtlichen Auslegungen verweisen „auf eine weitgehende Absicherung pädagogischen Handelns und einen Rahmen, der größer ist, als es vielen Pädagog:innen erscheint“ (ebd.:96). Insbesondere eine Orientierung am Alter und der Reife des jungen Menschen, eine Erkundigung über dessen Wissensstand und Nutzungsverhalten sowie das „BBB – Prinzip“ (Belehren, Beobachten, Belangen) sind, neben der Dokumentation der getroffenen Entscheidungen, die wesentlichen Eckpfeiler, um rechtssicher junge Menschen in der Mediennutzung zu begleiten.
Das Buch stellt immer wieder den Einfluss der Haltung gegenüber neuen Medien in den Mittelpunkt. Für den Autor stellt die kompetente Auseinandersetzung mit digitalen Medien keine ergänzende Option dar, sie kann keine Nebenkompetenz einzelner Medienpädagog:innen mehr sein. Vielmehr handelt es sich für ihn um einen „fundamentalen, hochgradig relevanten Kern eines (sozial-) pädagogischen Kompetenzprofils“. Folgerichtig spricht er in Kapitel 9 die Fachkräfte direkt an und fordert diese mit gut 50 Fragen zur Selbstreflexion und Standortbestimmung auf.
Es folgen drei Kapitel, in denen sich der Autor Praxisfeldern der Sozialen Arbeit zuwendet; der Beratung, stationären Hilfen und der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Nach einer Analyse des jeweiligen Stands der Digitalisierung begründet er jeweils die Notwendigkeiten und Chancen, die sich aus einer Hinwendung zu digitalen Medien für diese Arbeitsfelder ergeben könnten, und benennt bestehende Hindernisse und Begrenzungen.
Fazit
Dem Autor gelingen ein guter und differenzierter Überblick sowie ein motivierendes Plädoyer, sich den digitalen Medien zu öffnen. Dieses Plädoyer untermauert er mit einer lebensweltlichen Begründung und einer Darstellung der Chancen. Dabei ist das Buch erfrischend lesbar geschrieben und ist für eine breite Leser:innenschaft vor allem aus der Kinder- und Jugendhilfe, als Lektüre sehr zu empfehlen.
Ein Aspekt, den das Buch noch nicht adressiert, ist der Konflikt, den die in den späten 1990er-Jahren geborenen jungen Fachkräfte – die ersten „Digital Natives – vielfach mit ihren Organisationen haben. Sie nutzen alltäglich moderne digitale Medien, sind mit diesen aufgewachsen und wollen diese für ihre Arbeit verwenden. Sie geraten dabei jedoch häufig mit organisationalen Anforderungen und Vorgaben in Konflikt. Diesen Bereich weiter zu beleuchten, wäre der nächste Schritt in der von dem Autor zurecht und überzeugend eingeforderten Auseinandersetzung der Sozialen Arbeit mit den digitalen Medien.
Pädagogik Heute Jubiläumsausgabe Dez 2024, S. 94 https://lvke.de/wp-content/uploads/2024/10/10_Jahre_Paedagogik_Heute_Internetversion_komplett.pdf
M E D I E N T I P P S
Nie zuvor war der Alltag aller Menschen auf der Welt so sehr durchdrungen von digitaler Vernetzung, ständiger Erreichbarkeit
und sekundenschneller Informationsvermittlung wie heute. Auch wenn zahlreiche Entwicklungen der Neuen Medien ins-
besondere im Hinblick auf ihren Einfluss auf Kinder und Jugendliche immer wieder in der Kritik stehen, so ist doch eines
sicher: Digitale Medien sind gesellschaftlich hoch relevant und spielen vor allem in der Lebenswelt junger Menschen eine so bedeutende Rolle, dass die intensive Auseinandersetzung mit eben diesen unvermeidbar ist. Das gilt auch oder vor allem für pädagogische
Fachkräfte und Erziehungsberechtigte, die sich tagtäglich mit der digitalen Vernetzung von Kindern und Jugendlichen konfrontiert sehen.
In seinem Buch „Jugend online! Soziale Arbeit offline?“ widmet sich Diplompädagoge und Diplomsozialpädagoge Reinhold
Gravelmann dem großen Spannungsfeld der digitalen Lebenswelten junger Menschen im Kontext der Sozialen Arbeit und
wirft die Frage auf, wie sich das Rollenverständnis in der Theorie und Praxis Sozialer Arbeit durch Digitalisierung verändert.
Gut verständlich lässt der Autor seine Leser:innen in die vielfältige Welt der Medien eintauchen und führt zunächst eindrücklich vor Augen, wie die medialen
Welten junger Menschen aussehen. Selbst wer sowohl mit Jugendlichen als auch mit modernen Medien wenig Berührungspunkte und kein fachspezifisches Wissen
hat, bekommt auf dieser Ebene einen spannenden Überblick und zahlreiche Beispiele, was es heute bedeutet, jung und online zu sein.
Ausgehend hiervon beleuchtet das Buch die Chancen und Risiken digitaler Welten und vertieft dann anhand ausgewählter
Arbeitsfelder der Kinder- und Jugendhilfe, wie die Soziale Arbeit aufgestellt ist und welche Handlungsbedarfe sich in diesem
Kontext ergeben. Auch hier unterfüttert Gravelmann seine Ausführungen mit Praxisbeispielen und geht auch auf KI in der Kinder- und Jugendhilfe sowie
rechtliche Aspekte in Bezug auf digitale Mediennutzung ein. Am Beispiel der Onlineberatung geht Gravelmann der Frage nach, wie weit die Profession auf dem
Weg ist, digitale Räume für ihre Angebote und Zugänge zu nutzen und beschäftigt sich darüber hinaus damit, wie die stationäre Erziehungshilfe und die
einrichtungsbezogene Offene Kinder- und Jugendarbeit aufgestellt sind.
Das Buch macht deutlich, dass Fachkräfte im Bereich der Sozialen Arbeit und in der Kinder- und Jugendhilfe alltäglich damit
konfrontiert und gefordert sind, sich mit den Veränderungsprozessen, die die Digitalisierung mitbringt, auseinanderzusetzen, um den Anschluss an die
Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen nicht zu verlieren.
Gravelmann gelingt es dabei sehr gut, die Ambivalenzen der digitalen Welten aufzuzeigen und sorgfältig zwischen Chancen,
Risiken und Handlungsnotwendigkeiten abzuwägen. Er legt die Potenziale frei, wie die Profession der Sozialen Arbeit den Wandel
mitgestalten kann, und bietet damit für jede:n Interessierte:n wertvolle Impulse, die zur Reflexion anregen und Perspektiven eröffnen.
Detlef Rüsch in FORUM sozial 1-2025
Jugend online! Soziale Arbeit offline?
Am Puls der Zeit bzw. der Klientel bleiben: Das ist schon immer in der Sozialen Arbeit eine Herausforderung; gerade das Thema Digitalisierung und der Umgang mit Medien zeigen dies auf nachdrückliche Weise. So heißt es für die Sozialarbeiter*innen nicht nur bei der Dokumentation oder bei der Kommunikation mittels sozialer Medien, die Chancen und Risiken zu kennen, sondern sich auch immer wieder neu in die Entwicklungen der digitalen Lebenswelten hineinzugeben.
Der Autor von Jugend online! Soziale Arbeit offline? vermittelt aber nicht im Detail Kenntnisse, um digital auf dem Laufenden zu sein; vielmehr geht es ihm um eine Klarlegung, wie On- und Offline-Welten zunehmend verschwimmen und wie sich dies auf die Angebotsstruktur und Identität Sozialer Arbeit auswirkt. Reinhold Gravelmann zeigt kurz, wie die Corona-Pandemie die digitalen Kommunikationsformen veränderte, um dann die Chancen und Risiken digitaler Welten konkret darzustellen. Es ist vor allem die unaufgeregte und doch klare Schreibe Gravelmanns, die wertvolle Impulse für die praktische Arbeit setzt. Ob es nun um den Umgang mit der Künstlichen Intelligenz, das Abdriften in virtuelle Welten, den Jugendmedienschutz, die Chancen von Online-Beratung aus Sicht junger Menschen geht oder auch um den Umgang mit digitalen Medien in stationären Einrichtungen oder in der Offenen Jugendarbeit: Reinhold Gravelmann vermittelt eine enorme Bandbreite an Denkansätzen und Praxisbeispielen, die Grundlage für fundierte Diskussionen sein können.
Im Textlayout hervorgehobene praktische Tipps, die Auflistung wichtiger Internetseiten für Fachkräfte und Jugendliche sowie eine erstaunlich topaktuelle Literatur- bzw. Medienliste machen dieses Buch tatsächlich zu einer reichen Fundkiste.
Sozialarbeiter*innen jeder Generation werden von diesem Buch profitieren; zumal man den analogen sowie digitalen Lebens- und Arbeitswandel sowohl professionell-persönlich als auch bezogen auf die Klient*innen mitgestalten muss, will man sich tatsächlich nicht abhängen lassen. Eine enorme Herausforderung, für welche dieses Buch eine wertvolle Diskussionsgrundlage bietet.
DETLEF RÜSCH
(Dipl.Soz.päd., systemischer Familientherapeut, Supervisor, Kinderschutz- Fachberater)
In: FORUM sozial 1/2025 des Deutschen Berufsverbandes Soziale Arbeit e.V. (DBSH), S. 52-53
https://www.dbsh.de/service-presse/shop.html
PETRA MUND in Dialog Erziehungshilfe 1-2025
Gravelmann, Reinhold
Jugend online! Soziale Arbeit offline?
Digitale Lebenswelten junger Menschen als Herausforderung für die Praxis Sozialer Arbeit.
Beltz Juventa, 2024, 157 Seiten, 25,00 €
ISBN: 978-3-7799-7594-6
Das Aufwachsen junger Menschen ist immer mehr durch das Verschmelzen analoger und digitaler Lebenswelten gekennzeichnet. Bereits der 15. Kinder- und Jugendbericht sprach von einem digital vernetzten Leben, in dem junge Menschen als digitale Grenzarbeiter*innen im Internet unterwegs sind (vgl. BMFSFJ, 2017:59ff). Vor diesem Hintergrund, sind insbesondere auch die Fachkräfte der Sozialen Arbeit gefordert, sich mit diesen digitalen Lebenswelten und den damit verbundenen Chancen wie Risiken für junge Menschen auseinanderzusetzen. An diesem Befund setzt Reinhold Gravelmann mit der von ihm vorgelegten Publikation an. Sein Ziel ist es, vor dem Hintergrund dieser Digitalisierung den erforderlichen fachlichen Diskurs in der Sozialen Arbeit über Organisations-, Praxis- und Haltungsfragen anzuregen. Dabei beschreibt und analysiert Reinhold Gravelmann zunächst die digitalen Lebenswelten der jungen Menschen, um darauf aufbauend der Frage nachzugehen, wie sich die Soziale Arbeit zukünftig aufstellen muss, um junge Menschen auch in ihren digitalen Lebenswelten erreichen zu können.
Insgesamt ist das Buch insgesamt 13 Kapitel untergliedert. Nach einer einleitenden Vorbemerkung, in dem der Hintergrund des Themas und die Strukturierung des Buches skizziert werden, wird in den folgenden Kapiteln sowohl eine historische Betrachtung der genommenen digitalen Entwicklungen und der aktuellen Situation medialer Welten junger Menschen (Kapitel 4) als auch eine Reflexion der mit der Digitalisierung von Lebenswelten junger Menschen verbundenen Themen vorgenommen, wie beispielsweise Chancen und Risiken der digitalen Welt (Kapitel 5) oder Künstliche Intelligenz in der Kinder- und Jugendhilfe? (Kapitel 6). Dabei überzeugen bereits diese grundlegenden Kapitel durch ihre theoretische Fundierung und umfassende Darstellung, die immer wieder zur Reflexion des eigenen Erlebens und der eigenen Jugendsozialisation einlädt, beispielsweise im Kontext der im Bereich des Fernsehens genommenen Entwicklungen. Dabei trägt insbesondere auch die detailreiche und kurzweilige Beschreibung einzelner Social-Media-Plattformen junger Menschen sowie ihres digitalen Spielverhaltens zu einem besseren Verständnis dieser digitalen Lebenswelten bei. Daneben ist es ebenfalls positiv, dass in jedem Kapitel weiterführende Literatur- und Websitehinweise zur Vertiefung gegeben werden.
Im Anschluss an diese umfassende, gelungene und sehr lesenswerte theoretische Fundierung werden rechtlichen Fragestellungen in Bezug auf digitale Mediennutzung und den Herausforderungen in Bezug auf die Profession zentrale Spannungsfelder im Kontext digitaler Medien und Sozialer Arbeit thematisiert. Auch hier enthalten die Kapitel sowohl weiterführende Verweise auf Literatur und Internetseiten als auch auf in diesem Kontext erforderliche Reflexionsfragen, beispielsweise in Bezug auf persönliche Einstellungen und Haltungen, fachliche Ansätze oder Regelungen, Ge- und Verbote.
Mit der Onlineberatung, den Erziehungshilfen und der Jugendarbeit nimmt der Verfasser dann drei Felder der Sozialen Arbeit bzw. der Kinder- und Jugendhilfe in den Fokus und entfaltet hier verschiedene Einsatzmöglichkeiten, auch diese wieder mit zahlreichen Bezügen, Verweisen und Tipps für eine Vertiefung.
In der kurzen Abschlussbemerkung betont der Verfasser, dass die Profession der Sozialen Arbeit durch die digitale Transformation gezwungen ist, nicht nur ihr Professionsverständnis zu überprüfen, sondern auch ihr Professionshandeln zu erweitern, um sich den digitalen Herausforderungen für die Soziale Arbeit und ihren Organisationen tatsächlich stellen zu können. Damit dies möglich werden kann, bedarf es nicht nur eines umfassenden Wissens in Bezug auf die digitalen Lebenswelten und ihre Ausmaße, sondern auch eines Wissens über sozialarbeiterischen Handlungsmöglichkeiten. Wenn dies gegeben ist, ist eine Reflexion des eigenen Verständnisses und Haltung im Umgang mit digitalen Lebenswelten möglich. Reinhold Gravelmann ist mit seiner Publikation dies umfassend gelungen. Er liefert nicht nur eine Übersicht über aktuelle Trends in digitalen Welten, sondern er regt auch zur Reflexion der eigenen Haltung und Umgangsweisen an. Damit kann die von ihm geforderte Erweiterung des Professionsverständnisses möglich werden.
Vor diesem Hintergrund kann das Buch uneingeschränkt und mit Nachdruck sowohl Fachkräften der Sozialen Arbeit als auch Studierenden, wie auch interessierten Eltern zur Lektüre empfohlen werden, eröffnet es doch wichtige Einsichten in die oftmals immer noch unbekannten digitalen Lebensweiten junger Menschen.
Literatur:
Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2017): Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Jugendhilfe
Prof. Dr. Petra Mund (she/her)
Vizepräsidentin für Studium und Lehre
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Köpenicker Allee 39-57 | 10318 Berlin
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